F.T.D. - R.I.P.

Es ist nicht mein erstes wenigstens todesähnliche Erlebnis mit einer Tageszeitung: das Ende der Financial Times Deutschland.

Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre teilten zwei Lokalzeitungen im Gebiet meiner Heimatstadt, für die ich früher als freier Mitarbeiter geschrieben hatte, ihre lokalen Quasi-Gebietsmonopole auf: Fortan gab es dort nur noch eine Lokalredaktion des Südkurier und nicht mehr die Badische Zeitung. Im letzten Jahrzehnt erlebte ich dasselbe als Abonnent der Bonner Rundschau, die plötzlich mein Abonnement kündigte und mich so auf das Regionalmonopol des Bonner Generalanzeigers verwies. Jetzt also die überregionale Financial Times Deutschland, deren Abonnement mir demnächst wohl auch vom Verlag gekündigt werden und mich in die Arme der "alten Tante FAZ" zurück treiben wird. Diese ist ja vor allem dank politischem Feuilleton auch in letzter Zeit wieder abonnierbar geworden. Ihre kleine überregionale Tageszeitungsschwester hingegen, die Frankfurter Rundschau, ist insolvent.

Das Ende der Financial Times Deutschland - ein Symptom gefährlicher Medienkonzentration

Das Ende der Financial Times Deutschland (FTD) ist also die weitere logische Fortsetzung der Konzentration im Zeitungsmarkt, die bei den Regionalzeitungen Ende der achtziger Jahre begann, als die Kontrolle von Verlegern aus Fleisch und Blut immer mehr in anonyme Konzernstrukturen überging. Übrig bleibt nun als reine Wirtschaftstageszeitung allein das Handelsblatt. Treibende Kraft bei diesen "Marktbereinigungen" ist nicht das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Aufklärung, Wahrheit und Klarheit. Im Gegenteil, die fortschreitende Konzentration der Medienlandschaft führt generell zu einem erheblichen Qualitätsverlust. Schon regionale Monopole sind eine ganz schlechte Entwicklung für das demokratische Gemeinwesen, weil keine ausreichende Meinungspluralität mehr gewährleistet ist und die Verlage sich billige Redaktionen halten können. Guten Journalismus gibt es dann oft nur noch als Selbstausbeutung, im Extremfall als Blog. Schuld an der Entwicklung trägt nur zu einem Teil das Internet, eine viel größere hingegen die Entwicklung von der sozialen Marktwirtschaft zum nackten Kapitalismus. Wenn Zeitungen nur des nackten Profites wegen von Großkonzernen ohne Herzblut "betrieben" werden, hat auch keiner mehr Lust, den geistigen Müll, den sie oft nur noch verbreiten, noch zu abonnieren. Es fehlt ihnen dann einfach der richtige Geist.

Blogs wie dieses können gegen diese Oligopolisierung der Meinungswelt aber nur einen kleinen Ausgleich bieten, weil ihnen die wirtschaftlichen und damit zeitlichen Resourcen fehlen, um den Verlust aus dem Sterben guter überregionaler Zeitungen auch nur entfernt zu ersetzen.

Nicht, dass ich mit meiner FTD, die ich seit etlichen Jahren bezogen habe, rundum zufrieden gewesen wäre. Über den gigantischen Telekom-Skandal hat auch sie sich nicht so recht getraut zu berichten. Vielleicht hingen zu viele Werbeeinnahmen dran. Aber es gab andere sehr gute investigative Artikel, etwa darüber, wie die Herrn Zumwinkel anklagende Staatsanwältin aus dem Amt gemobbt wurde.

Obwohl anfangs auch als neoliberales Sturmgeschütz konzipiert, hatte die FTD lange Zeit ein sehr hohes Maß an Binnenpluralität - wahrscheinlich die Reste eines einst von Reinhard Mohn in seinem Konzern zu seinen aktiven Lebzeiten stets propagierten "sapere aude" - "habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen." In Berichten über den Bertelsmann-Konzern hört man heute nicht mehr viel davon, er ist Opfer seines Erfolges geworden.

So hat die FTD wenigstens ein bißchen berichtet, was andere ganz verschwiegen haben. Deshalb werde ich sie vermissen.

Dr. Martin Weigele


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