Karl Gerhard Eick, der große Obfuskator (Teil II)

"obfuscare" ist Lateinisch für vernebeln, verdunkeln. Als engl. "obfuscation" bezeichnet man die Technik, die wahren Berechnungen einer Software in deren Code durch komplizierteste Programmierung zu verschleiern. Auf dem Gebiet von Bilanzen und Gewinnen gibt es kaum einen, der dies so meisterhaft beherrscht wie Karl Gerhard Eick, Finanzvorstand der Deutschen Telekom. Teil II: Implosionsgefahr.

Implosionsgefahr in der Bilanz


Nachdem in Teil 1 besonders die Verhältnisse der Gewinn- und Verlustrechnung beleuchtet wurden, nun ein Blick auf die Risiken der Konzernbilanz der Deutschen Telekom AG.

Zunächst fällt auf, dass sich die Bilanzsumme und damit der Konzern gegenüber 2006 insgesamt mit fast 10 Milliarden Euro deutlich um 7% geschrumpft ist, bei etwa gleich bleibendem Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital (Schulden).


AKTIVA
Bilanz 2007
Bilanz 2006
PASSIVA
Bilanz 2007
% Bilanz 2006
%
Langfr. Vermögen
104719 Mio €
114209 Mio €
Eigenkapital 45235 Mio € 37 49670 Mio € 38
Kurzfr. Vermögen
15945 Mio €
15951 Mio €
Schulden 75429 Mio € 63 80490 Mio €
62

Bilanzsumme
120664 Mio €
130160 Mio €
Bilanzsumme 120664 Mio €
100 130160 Mio €
100

Als äußerst kritisch ist der hohe Anteil der immateriellen Vermögenswerte in der Bilanz anzusehen. Durch die Bilanzierung nach IFRS muss ständig überprüft werden, ob diese immateriellen Vermögenswerte auch wirklich werthaltig sind, während sie ansonsten nur zögerlich abgeschrieben werden. Und diese Frage hat es in sich, da insbesondere sowohl die europäischen UMTS-Lizenzen als auch die Firmen zu völlig überhöhten Preisen gekauft wurden. Gewissermassen ist fast die Hälfte des Vermögens "virtuell":


Vermögen 120 664 Mio €
100 %
immaterielle Vermögenswerte
54 404 Mio €
45 %

Diese teilen sich auf wie folgt

Vermögen
120 664 Mio €
100 %
davon UMTS Lizenzen
11 856 Mio €
10 %
GSM Lizenzen
714 Mio €
1%
FCC Linzenzen (USA)
16 357 Mio €
14 %
Goodwill
20 640 Mio €
17 %


Der Insolvenzfall durch Überschuldung würde nämlich eintreten, wenn das Vermögen die Schulden nicht mehr deckt, also um über 45235 Mio € fällt. Tatsächlich übersteigt der derzeit bilanzierte Wert der immateriellen Vermögenswerte das Eigenkapital um rund 9 Milliarden.

Die aktuelle Finanzkrise zeigt, wie schnell Milliarden "virtueller Werte" vernichtet werden können, wenn sie keine realwirtschaftliche Grundlage haben. Fällt der Wert der immateriellen Vermögenswerte auf immerhin noch 17% der ausgewiesenen Buchwerte, so tritt bereits Insolvenz durch Überschuldung ein.

Wie leicht das passieren kann, sieht man auch an der Art und Weise, wie der Goodwill (nach IFRS) ermittelt ist. Was ist der Goodwill? Es ist der Mehrpreis, der beim Firmenkauf gegenüber deren Bewertung erzielt wurde. Das kritische dabei ist, wie die Bewertung der Firmen berechnet wird (Konzerngeschäftsbericht, S. 148). Mit dem Begriff "zahlungsmittelgenerierende Einheiten" sind übrigens die Konzernunternehmen gemeint - allein der Begriff verrät viel über die dahinter stehende Geisteshaltung:

Den Bewertungen der zahlungsmittelgenerierenden Einheiten liegen Prognosen zu Grunde, die auf den vom Management genehmigten Finanzplänen für zehn Jahre beruhen und auch für interne Zwecke verwendet werden. Der gewählte Planungshorizont spiegelt die Annahmen für kurz-bis mittelfristige Marktentwicklungen wider. Cash-Flows, die über den 10-Jahres-Zeitraum hinausgehen, werden anhand geeigneter Wachstumsraten berechnet. Zu den wesentlichen Annahmen, auf denen die Ermittlung des beizulegenden Zeitwerts abzüglich Veräußerungskosten durch das Management beruht, gehören Annahmen bezüglich ARPU, Kundengewinnung und Kosten für die Kundenbindung, Kündigungsrate, Investitionen, Marktanteil, Wachstumsraten sowie Diskontierungszinssatz. Sollten sich künftig wesentliche Veränderungen im Markt- und Wettbewerbsumfeld ergeben, so könnten diese nachteiligen Einfluss auf den Wert der zahlungsmittelgenerierenden Einheiten haben.

Im Klartext: Dem ganzen Zahlenwerk liegen die Businesspläne mit bis zu 10jährigen Zukunftsschätzungen(!) der Ex-Voicestreams dieser Welt nach den Vorstellungen des Managements zugrunde, die bei der Deutschen Telekom AG in der Vergangenheit inklusive Wirtschaftsprüfer oft völlig daneben lagen, wie die Sonderabschreibung von 21,3 Milliarden € auf genau diese hier betrachteten immateriellen Vermögenswerte im Jahr 2002 belegt. Beim Top-Management handelt es sich in den Schlüsselpositionen ja immer noch um das Netzwerk derselben Akteure (und Wirtschaftsprüfer). Es ist daher konsequent, dass für die Mobilfunkbeteiligungsunternehmen, insbesondere T-Mobile USA, keine echte Gewinn- und Verlustrechnung, vollständige Bilanz oder echte Cash Flow Zeitreihe veröffentlicht wird. Allein die 16,4 Milliarden € FCC Lizenzen müssen erst einmal verdient worden sein. Denn wenn diese Informationen offenlegen, dass aufgrund fortgesetzter Verluste zu optimistische Geschäftsprognosen verwendet wurden, kann sich die Bilanzposition "immaterielle Vermögensgegenstände" ganz oder teilweise in Luft auflösen - und das Eigenkapital reicht dann nicht mehr.

Das ist Karl Gerhard Eicks virtuoser Tanz auf dem Vulkan - offensichtlich noch heißer dank IFRS, gefördert durch unsere Freunde im Bundesfinanzministerium, die zugleich Regelungsgeber UND Aufsicht UND Eigentümervertreter des Bundes UND mit der (internationalen) Finanzinvestorenlobby eng verbandelt sind.


weiter mit Teil III.

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