Tumb ohne Selbsterkenntnis

Schon 1999 wurde in einer amerikanischen psychologischen Fachzeitschrift ein bemerkenswerter Artikel über die ausgeprägte Unfähigkeit tumber Toren veröffentlicht, ihre eigenen Grenzen zu erkennen: "Unskilled and unaware of it". Diese dort durch empirische Studien belegte menschliche Eigenschaft - und umgekehrt die häufige Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten bei überragender Intelligenz - hat schwerwiegende Folgen für Organisationen und Gesellschaften, die mit dem Aufstieg solcher Toren gebeutelt sind. Wer sich die Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren ansieht, muss zu dem Schluß kommen, dass Wirtschaft und Politik dieses Landes massiv unter diesem Phänomen leiden. Auch Bundespräsident Horst Köhler hat unlängst darauf hingewiesen.

Das Staatsoberhaupt hatte bei einem Vortrag zum fünfzigjährigen Bestehen der Führungsakademie der Bundeswehr darauf verwiesen, dass es in Deutschland riesige Defizite bei der Bestenauslese zur Besetzung von Führungspositionen und damit mangelhafte Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft gebe. Die Prinzipien der Akademie seien hingegen beispielgebend.


"Unskilled and Unaware of it."

Die Autoren des Artikels, über den schon verschiedentlich in der Wirtschaftspresse berichtet wurde, geben zur Einführung in die Thematik das Beispiel des Bankräubers McArthur Wheeler, der 1995 in Pittsburgh zwei Banken am hellichten Tage ausraubte. Hernach mit dem Mißerfolg dieser Aktivitäten konfrontiert, war es Wheeler völlig unverständlich, dass man ihn gefasst hatte. Er hatte sich doch sein Gesicht mit Zitronensaft eingerieben, und war fest davon überzeugt, dass ihn dies auf den Überwachungskameras unsichtbar machen würde.

Dies zeigt nun dreierlei: Allgemein anerkannt ist die Erkenntnis, dass in vielen Bereichen des menschlichen Lebens Erfolg und Erfüllung von Wissen und Weisheit über die zur Zielerreichung zu verfolgenden Strategien abhängt. Auch ist allgemein anerkannt, dass verschiedene Personen dies auf sehr unterschiedliche Weise tun. Im Falle von McArthur Wheeler war die seinem Handeln zugrundeliegende Theorie ganz und gar falsch und daher von Misserfolg gekrönt.
Zum Dritten, Menschen, die nun nicht die Kompetenz haben, die richtigen Strategien zu erkennen, sind - eigentlich - doppelt gestraft: Nicht nur raubt ihnen ihre Inkompetenz die Fähigkeit, die Fehlerhaftigkeit ihrer Thesen zu erkennen; nein, sie nimmt ihnen auch die Möglichkeit, ihre eigene Unzulänglichkeit zu erkennen. Sie haben also ein besonders hohes Maß an Selbstvertrauen in ihre Unfähigkeit und umgekehrt: Besonders intelligente Menschen haben tendenziell ein geringes Maß an Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten, gerade weil sie aufgrund ihrer ausgeprägten Kompetenz im jeweiligen Bereich sich der Unzulänglichkeit ihres Wissens bewußt sind ("Ich weiß, dass ich nichts weiß."). Diesen - fatalen - Zusammenhang belegen die Autoren anhand empirischer Studien mit College Studenten.

Was sind die Folgen?


An dieser Stelle wollen wir die Gedanken der Autoren weiterführen und uns fragen, was bedeuten diese all zu menschlichen, aber wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse für die Entwicklung von Organisationen und Gesellschaften über längere Zeiträume, insbesondere für die Entwicklung Nachkriegs-Deutschland in Politik und Wirtschaft bis heute? Es leuchtet ein, dass in Zeiten großer Herausforderungen wie z.B. dem Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg und der damit in der Wirtschaft verbundenen Gründungsphase, aber auch beim individuellen Überleben im Krieg die McArthur Wheelers mit ihrem Zitronensaft nicht viel Erfolg haben konnten. Letztlich hatte zwar die McArthur-Wheeler-Fraktion die Deutschen ins Unglück gestürzt, aber der Wiederaufbau aus der Zerstörung war nicht mit dem im Gesicht eingeriebenen Zitronensaft zu machen.

Jedoch Jahrzehnte später war wieder die Stunde der Wheelers gekommen. Während die Aufbaugeneration von der Aufbauarbeit müde war, wurden also Zug um Zug Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Gesellschaft neu besetzt. In Anbetracht des allgemeinen Wohlstands und der gleichzeitigen zitronensäftlerischen Verteufelung von Leistung und Werten wurden viele Spitzenpositionen nicht mehr mit den Besten besetzt. Denn gleichzeitig waren diese durch die fatalen politischen Parolen gegen Leistung und Freude an der eigenen Leistung noch mehr Selbstzweifeln ausgesetzt, als es die Studie ohnehin schon als natürliches Verhalten belegt. So überließen sie oft das Feld den zweitklassigen Figuren in noch stärkerem Maße, als es sich aus den in der Studie dokumentierten allgemeinen menschlichen Verhaltensweisen ohnehin ergeben hätte. Denn die "Wheelers" waren ja mit dem Selbstvertrauen einhauchenden Zitronensaft reichlich eingedeckt.

Was aber passiert mit Organisationen, Institutionen, und schließlich in einer Gesellschaft, in der zu viele Schlüsselpositionen inkompetent besetzt sind? Nichts Gutes, das lehrt schon der Blick zurück ins Alte Rom und andere zerfallene Hochkulturen. Vor allem tritt innerhalb solcher Organisationen, Institutionen oder großen Gebilden wie unserem Staat, die ja meist hierarchisch strukturiert sind, ein fataler, weiter verschlimmernder Effekt ein: Unfähige Führungskräfte, die ja schon ihre eigene Unfähigkeit nicht erkennen können, umgeben sich fast immer mit den falschen Personen, die ebenfalls unfähig sind. Im Gegenteil, intelligente, fähige Personen werden oft als massive Bedrohung der eigenen Karriere empfunden und eliminiert. Dieser Prozess setzt sich über mehrere Hierarchiestufen im Laufe der Zeit immer weiter fort und führt je nach Größe der Institution bei kleineren rasch zum Kollaps, bei größeren zu einem langanhaltenden Siechtum. Gunter Duecks lean brain management Satire setzt auch an dieser Stelle an. Gleichzeitig schließt sich auch der Kreis zum Thema Arbeitszufriedenheit und unangemessener Bezahlung.

Erst wenn durch Zufall oder neue äußere Ereignisse disruptive Veränderungen eintreten, besteht wieder die Chance der personellen Erneuerung mit einer Bestenauslese. Das gilt für die Deutsche Telekom ebenso wie für unseren deutschen Staat, an beiden man diese Mechanismen hervorragend studieren kann. Die spannende aber nur schwer zu beantwortende Frage ist, in welcher Phase wir uns befinden und ob wir kurz vor disruptiven Veränderungen stehen.

Artikel-Link:

Justin Kruger und David Dunning, Cornell University, "Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One's Own Icompetence Lead to Inflated Self-Assessments", Journal of Personality and Social Psychology, 1999, Vol. 77, No. 6, 1121-1134

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